Funktionen der Ökonomie
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[bearbeiten] Befriedigung von Bedürfnissen
Die Suche nach einer möglichst wirkungsvollen Organisation der Wirtschaft muss mit der Definition der zu bewältigenden Aufgabe beginnen. Wozu dient also Wirtschaft? Um einen ersten Zugang zu ermöglichen ist es hilfreich, eine sehr weite Definition zu wählen und später falls nötig einzuschränken. In diesem Sinne lässt sich festhalten: Mit „Wirtschaft“ bezeichnen wir ein System zu Befriedigung von Bedürfnissen, und zwar nicht auf der Ebene des Individuums, sondern in einer Gruppe von Menschen, mit einem Mindestmaß an Austausch zwischen den Beteiligten.
Diese Definition verlangt nach einer Präzisierung: Was sind Bedürfnisse? Ein normativer, von evolutionsbiologischen Überlegungen geleiteter Ansatz könnte nun versuchen, aus den grundsätzlichen Notwendigkeiten des Überlebens und der Fortpflanzung eine ganze Reihe von Bedürfnissen abzuleiten, von der Nahrung über physischen Schutz bis hin zu sozialen Bedürfnissen wie Kontakt, Eingebundensein und Anerkennung. Wiewohl dieser Ansatz fruchtbar sein kann und auch schon beachtliche Ergebnisse erbracht hat (vgl. z.B. Maslows Bedürfnispyramide) passt es besser zu einer freiheitlichen Gesellschaft, von den individuellen, subjektiven Bedürfnissen des Einzelnen auszugehen.
Um mit dieser großen Freiheit dennoch arbeiten zu können, um weiter an einem System zur Befriedigung der Bedürfnisse zu arbeiten, muss eine beschreibende (also nicht vorgebende) Ordnung gefunden werden. Diese Ordnung geht naheliegenderweise von unterschiedlichen Arten von Bedürfnissen hinsichtlich für die Befriedigung bedeutsamer Eigenschafen aus.
[bearbeiten] Unterschiedliche Bedürfnisse
Die hier vorgestellten Gliederungen sollen keine trennscharfen Kategorien bilden. Es ist klar, dass es Übergänge, aber auch echte Mischformen gibt.
Zunächst können materielle und immaterielle Bedürfnisse unterschieden werden. Die materiellen Bedürfnisse beziehen sich auf die stoffliche, unbelebte Welt, während immaterielle Bedürfnisse auf Objekte gerichtet sind, denen geistige Eigenschaften zugeschrieben werden (an dieser Stelle soll keine Diskussion darüber geführt werden, ob geistige Eigenschaften nur Teil der materiellen Welt sind). Beispiele hierfür sind die Mitmenschen, aber auch der Mensch als sein eigenes Objekt oder Gegenstände die durch künstlerische oder religiöse Bedeutung über das Materielle hinausgehen.
Die Bedeutung dieser Unterscheidung ist offensichtlich. Während materielle Bedürfnisse durch klassische Produktion befriedigt werden können, fallen immaterielle Bedürfnisse entweder in den Bereich des sozialen und Privatlebens oder in den der Dienstleistung. Hier ergeben sich moralische Probleme, die später erläutert werden sollen (Wirtschaft oder Privatleben, Grenzen der Tauschwirtschaft).
[bearbeiten] Materielle Bedürfnisse
Um zunächst im materiellen Bereich zu bleiben, ist weiter der Unterschied zwischen Gebrauchs- und Verbrauchsgütern wichtig. Gebrauchsgüter können prinzipiell benutzt werden, ohne sich dadurch zu verbrauchen. Dabei ist unbestritten, dass sie einer gewissen Abnutzung unterliegen. Im Gegensatz zu den Verbrauchsgütern ist diese Abnutzung aber nicht zentraler Bestandteil ihres Gebrauchs, denn diese werden konsumiert, in irgend einer Weise verzehrt.
An dieser Unterscheidung wird besonders deutlich, dass die Grenze mit einer gewissen Willkür über einen graduellen Übergang gezogen wurde. Dennoch wird der Fall der Gebrauchsgüter später in einfacher Weise einen Vorteil gemeinschaftlicher Wirtschaftsformen demonstrieren. Denn während Konsumgüter wie Nahrung oder Kleidung einer einfachen Nutzung unterliegen und nur verteilt, nicht aber wirklich geteilt werden können, besteht im Bereich der Gebrauchsgüter wie Werkzeug, Maschinen oder auch Fahrzeuge heute eine immense Verschwendung. Dass sich trotz der schon bestehenden Möglichkeit heute (schließlich schreibt sich der Kapitalismus zu Recht auf seine Fahnen, dass in seinem Rahmen theoretisch alles möglich ist) gemeinschaftliche Nutzungsformen nicht durchsetzen, liegt daran, dass der Besitz auch von Gebrauchsgütern in starker Weise an die Identität geknüpft ist, was zum Beispiel für Autos allgemein bekannt ist. Diese Vermengung von materiellen und immateriellen Bedürfnissen wird als eine schädliche Eigenschaft des Kapitalismus später noch einmal aufgegriffen werden.
[bearbeiten] Soziale Bedürfnisse
Auch die immateriellen Bedürfnisse können sinnvoll weiter unterteilt werden. Am auffälligsten sind hier die sozialen Bedürfnisse, die sich auf andere Personen richten. Aber auch selbstbezogene Bedürfnisse sowie ästhetische und religiöse Bedürfnisse gehören hierzu.
Weil sie schon so weit in den Bereich der Geldwirtschaft eingedrungen sind, verdienen die sozialen Bedürfnisse besondere Beachtung. Es muss zunächst bemerkt werden, dass sie sich weiter in ein Bedürfnis nach Teilhabe und Ähnlichkeit auf der einen und Individualität und Unterschied auf der anderen Seite unterteilen lassen. Diese beiden scheinen Grundzüge der menschlichen Natur zu sein, die sich ergänzen und in einem ausgewogenen Verhältnis stehen müssen.
Erfüllung beider Bedürfnisse ist heute im freien Markt handelbar geworden. Nachdem dies offensichtlich nicht direkt geschehen kann, im Gegenteil sogar geächtet ist (z.B. wird ein „Tausch“ von Geld gegen Freundschaft stark verachtet) wird es durch symbolische Aufladung von Objekten erreicht, die eigentlich materielle Bedürfnisse befriedigen. Man kann beobachten, dass fast alle Dinge, die heute gekauft werden können, sehr stark auf diese Bedeutung ausgelegt sind und dass die symbolische Bedeutung der Objekte die Bedeutung ihres direkten Nutzens bei Weitem übersteigt. Die dadurch gelenkte Produktion kann zunächst mit Recht als Verschwendung bezeichnet werden. Es muss allerdings noch untersucht werden, ob diese Symbolisierung eine Eigenschaft des Kapitalismus ist, oder ob Menschen grundsätzlich dazu neigen, ihre immateriellen Bedürfnisse auf symbolische Objekte zu übertragen.
Meiner vorläufigen Meinung nach ist eine gewisse Neigung zu symbolischen Objekten immer vorhanden. Allerdings sehe ich (um es nur kurz anzureißen) zwei Mechanismen, wie der Kapitalismus diese verstärkt. So werden beide sozialen Grundbedürfnisse durch die Erziehung entsprechend dem Gesellschaftscharakter, der uns zu Menschen macht, die den Erfordernissen unseres ökonomischen Systems entsprechen (vgl. Erich Fromm, eine Zusammenfassung der Grundideen in einem etwas anderen Kontext findet sich in meiner Hausarbeit zum Bild:Wahnsinn der Normalitaet.pdf) problematisch. Das natürliche Bedürfnis zur Individualität wird übersteigert, es kann in dieser Form als Grundmotor des Kapitalismus betrachtet werden (vgl. dazu z.B. das Interview Bild:Nichts schenken kann man sich schenken - Konsumverweigerung.mp3, von mir als Hörtext hochgeladen). In so starker Ausprägung heizt die Individualität die Konkurrenz zwischen den Menschen an, es gibt in jedem Fall Gewinner und Verlierer.
Durch diese selbe Konkurrenz, die zur Erfüllung unserer Individualität notwendig geworden ist, werden positive menschliche Beziehungen behindert. Es entsteht eine Perspektive auf die Mitmenschen, die immer zunächst den aktuellen oder potenziellen Konkurrenten und Gegner sieht.
Die auf diese Weise problematisch gewordenen Bedürfnisse werden dann den vom System angebotenen (angeblichen?) Erfüllungsmöglichkeiten zugeführt, die in eine Fülle von Problemen führen. Die schon angesprochene Verschwendung dadurch, dass materielle Produktion quasi als Nebenprodukt der „Symbolproduktion“ auftritt (vgl. Luxus) ist nur eines davon. Ein weiteres ist eine immer tiefere Abhängigkeit von diesen Erfüllungen. Die angebliche Freiheit, die der Kapitalismus mit sich zu bringen behauptet ist dadurch massiv eingeschränkt. Es ist auffallend, wie „rund“ dieses System erscheint, indem es Bedürfnisse selbst verstärkt und umlenkt, um sich dann durch eine Befriedigung in andauernder Abhängigkeit zu stabilisieren. Mir erscheint dies als ein Beleg der Thesen Fromms, auf die hier noch einmal verwiesen sei (vgl. nochmals Bild:Wahnsinn der Normalitaet.pdf)
[bearbeiten] Andere immaterielle Bedürfnisse
Neben den sozialen Bedürfnissen sind auch die selbstbezogenen Bedürfnisse wichtige immaterielle Bedürfnisse. Eine Unterteilung fällt hier schwieriger. Es scheint aber sinnvoll, zwischen einem Bedürfnis nach Wirksamkeit und einem nach Sinnhaftigkeit zu unterscheiden, also dem Empfinden (und als Persönlichkeitseigenschaft: der Überzeugung) etwas bewirken zu können auf der einen Seite und zu wissen, was und warum man bewirken möchte. Es fällt mir schwerer, diese Bedürfnisse in das vorhandene Befriedigungssystem des Kapitalismus einzuordnen. Die Bedürfnisse sind deshalb hier eher der Vollständigkeit halber aufgeführt. Und natürlich würde ich mich über Hilfe sehr freuen.
Es ist jedenfalls zu erwarten, dass unsere Gesellschaft auch einen bestimmten, zu den ökonomischen Grundlagen unserer Existenz passenden Sinnentwurf weitergibt. Weiterhin könnte man darüber nachdenken, ob auch die Selbstwirksamkeit in bestimmte Bahnen gelenkt wird, analog zu den sozialen Bedürfnissen. Mir scheint z.B. das Erleben von Wirksamkeit in Form von Macht von unserer Kultur befördert zu werden.
Für mich im Moment noch rätselhafter ist der Bereich der künstlerischen, ästhetischen und religiösen Bedürfnisse. Es scheint offensichtlich, dass diese Erlebnisse starke soziale Komponenten enthalten und damit von den entsprechenden Überlegungen betroffen. Dennoch bleibt ein Rest, über dessen Natur und seine Integration ins System nachzudenken sehr spannend sein muss.
[bearbeiten] Schluss
Zusammenfassend ergeben sich einige Spannungen zwischen diesen Bedürfnissen und der Art, wie sie in unserem System befriedigt werden, die noch ausführlicher analysiert werden sollen.
Diese liegen zuerst im ungenügenden Teilen von materiellen Gebrauchsgütern. Weiterhin muss besonders die Wirkung des Kapitalismus auf unsere sozialen Bedürfnisse und deren eigenartige Befriedigung untersucht werden.
Darüber hinaus steht noch die Untersuchung der nicht (oder nur teilweise) symbolischen immateriellen Bedürfnisse aus, die in unserer modernen Dienstleistungsgesellschaft so zentral geworden sind. Es ist eine moralische Entscheidung einer Gesellschaft, welche dieser Bedürfnisse in welchem Umfang gegen welche anderen Objekte getauscht werden sollen (dass solche Einschränkungen bestehen, leuchtet ein, wenn man z.B. an das Ansehen des Tausches von Sexualität gegen Geld denkt). Der Dienstleistungsbereich allgemein ist jedenfalls noch genauer zu betrachten.
Ein weiteres interessantes Feld wird der Luxus als Sammelbegriff des symbolischen Konsums sein. Zum Teil werden heute auch Dienstleistungen symbolisch konsumiert, überwiegend sind es aber immer noch materielle Objekte, in denen Luxus verkörpert ist. Im Zusammenhang mit diesem Phänomen steht das der Verschwendung, das hier wohl als soziales Handeln, als eine Form der Kommunikation zu verstehen ist.

